Frucht des Täufers

Ende Juni beginnt die Zeit der Johannisbeere – denn am 24. Juni ist Johannistag und spätestens dann werden die ersten Sorten der Ribes reif und können geerntet werden. Der Johannistag ist unter Gläubigen auch bekannt als Hochfest der Geburt des Täufers Johannes und Namensgeber unserer beliebten Frucht.  

Das Obst aus der Familie der Stachelbeergewächse wächst an laubabwerfenden Sträuchern oder kleinen Bäumen. Die zarten Knospen haben krautige Schuppen, in denen sich die zusammengefalteten Blätter verstecken und die sich zu voller Pracht ausbreiten, wenn sie von Bienen  bestäubt wurden. 

Die Trübeli, wie man sie liebevoll unter Schweizern nennt, ist weltweit mit circa 150 Arten vertreten. Ein Drittel davon kommt aus Europa. Die Johannisbeeren hängen an kleinen Rispen und enthalten meist zwischen zehn und 100 Samen.

Ehrwürdiger Wunderheiler

Die Johannisbeere wurde schon seit langer Zeit als Medikament gegen verschiedene Krankheiten eingesetzt. Hildegard von Bingen beispielsweise, eine bedeutende Universalgelehrte des Hochmittelalters, nutzte die Frucht als Mittel gegen Rheuma und Insektenstiche. Weise Mönche und Nonnen schworen im 16. Jahrhundert auf die Johannisbeere, wenn es um die Behandlung von Gicht und Skorbut, eine Vitaminmangelkrankheit, ging. 

Auch wenn die medizinische Forschung heute weiter ist und die heilsame Beere nicht mehr als Medikament eingesetzt wird, fördern wir durch den Verzehr von ihr immer noch unsere Gesundheit: Vor allem den schwarzen Sorten wird ein doppelt so hoher Ballaststoffgehalt und ein dreifach so hoher Vitamin-C-Gehalt nachgesagt wie ihren roten und weißen Verwandten. Gerade sogenannte Pektine, die unermüdliche Kämpfer des Verdauungstraktes sind und jeglichen Störungen entgegenwirken, gehören zu den unschlagbaren Ballaststoffen, die beim Genuss der Johannisbeeren aufgenommen werden. 

Wer eher die weißen und roten Beeren schätzt, macht natürlich ebenfalls nichts falsch. Wegen ihres  niedrigen Kohlenhydrat-Anteils wird vor allem Diabetikern empfohlen, auf die hellen Sorten zurückzugreifen. Die Kerne liefern in Form von Öl wertvolle Gamma-Linolensäure, die Hautkrankheiten wie Neurodermitis ein Ende bereiten soll.

Ran an den Spaten!

Wem die Obstabteilung nicht genug ist, macht den heimischen Garten zu seinem persönlichen Beerenparadies. Besonders viel braucht es dazu nicht: Johannisbeeren wachsen entweder an schlanken Hochstämmchen oder an ertragreichen Sträuchern, die sich besonders wohl fühlen, wenn sie auf humusreichem und gleichmäßig feuchtem Boden stehen und ihre Früchte in die Sonne halten dürfen. Für das Überleben der Pflanzen ist Rindenmulch wichtig. Er schützt die empfindlichen Wurzeln im eisigen Winter. 

Beim Einpflanzen sollte beachtet werden, dass die Oberkante des Topfballens ungefähr fünf Zentimeter tief in die Erde ragt. So können sich neue Bodentriebe schneller bilden und die Frosteinwirkung kann leicht minimiert werden. Johannisbeeren verbreiten viele Jahre Freude – die drei Haupttriebe in Bodennähe sollten allerdings jedes Jahr mit Hilfe einer kleinen Baumsäge oder einer kräftigen Astschere geschnitten werden. So wird garantiert, dass die Blüten und ihre Früchte stets ihr nährendes Sonnenbad genießen können. 

Achtung, Verrieselungsgefahr: Bei einigen Beerensträuchern und oft auch bei Weinreben werden die Blüten abgeworfen. Das kommt vor allem bei Spätfrost oder niedrigen Temperaturen vor. Ein wirksames Gegenmittel ist zum Beispiel, die Pflanzen dicht beieinander zu pflanzen. 

Entscheidungen über Entscheidungen: Wenn es um die Auswahl der richtigen Sorte geht, empfehlen sich unter den roten unter anderem ein früher Klassiker, der „Jonkheer can Teets“, die feinsäuerliche „Rovada“ oder die säurearme „Rosalinn“. Die „Weißen Versailler“ und der „Primus“ sind die Kassenschlager unter den weißen Johannisbeeren. Pflanzen sollte man immer mehrere Sorten zusammen.

Good vibes only

Wer keine Zeit oder schlicht keinen Garten hat für die Eigenproduktion, der bedient sich von Juni bis August im Supermarkt. Auch außerhalb der Monate wartet die beerige Erfrischung als ungezuckerte Mischung in der Tiefkühltruhe auf geschmackvolle Weiterverarbeitung. Die säuerlichen roten und die süßen weißen Beeren harmonieren zum Beispiel als Kuchenbelag mit frischen Nektarinen. Sie sind zudem wie geschaffen als Hauptzutat für ein natürliches Gelee oder eine vollmundige Marmelade und bereiten auch pur als Snack für unterwegs gute Laune. Keine Angst vor den Stielen – beim Einmachen von Konfitüre oder ähnlichem dürfen die gerbsäurehaltigen Rispen ebenfalls mit in den Topf. Diese sorgen für ein besonders intensives Aroma.

Die dunklen Johannisbeeren, die eher bitter sind, kommen besonders gut in gesunden Säften zur Geltung oder als liebliche Sauce zu deftigen Gerichten wie Kalbsbraten mit Kartoffeln. Für empfindliche Mägen eignen sich die appetitlichen Sommerfrüchte übrigens am besten in pürierter Form – der Magen reagiert sowohl auf die dicke Haut als auch auf die Kerne und könnte sonst leicht überreizen.

Prall und unverletzt müssen Johannisbeeren sein, wenn man sie beim Einkauf dem Qualitätstest unterzieht. Auch grüne Blätter, die sich noch an den Rispen befinden, sind ein gutes Zeichen für frische Ware. Bei der Lagerung im Gemüsefach des Kühlschranks sollten die Beeren innerhalb von maximal drei Tagen zubereitet oder pur verzehrt werden. Dafür die Beeren, die bis dahin noch an den Rispen hängen sollten, gründlich abwaschen und mit der Hand oder einer Gabel von den Rispen entfernen.


Johannisbeere für Gscheidhaferl

Cassis de Dijon: Einige Verehrer des Hochprozentigen werden sich wahrscheinlich schon mal beim einen oder anderen Kir Royal gefragt haben, welch fruchtiger Likör sich darin versteckt. Traditionell ist es der schmackhafte Crème de Cassis aus Frankreich – der bei uns in Deutschland allerdings bereits für mächtig Ärger gesorgt hat. Nachdem die Handelsgruppe Rewe-Zentral AG den aromatischen Likör vor mehr als 35 Jahren nach Deutschland importieren wollte, beschwerte sich die Bundesmonopolverwaltung für Branntwein, dass der Likör nicht den geforderten Alkoholgehalt von 32 Vol.-% enthielt – und damit nicht hierzulande verkauft werden dürfte. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Streit wurde  vor Gericht ausgetragen. Heraus kam die Cassis-de-Dijon-Entscheidung: Diese besagt, dass grundsätzlich alle Produkte und Waren in allen Mitgliedstaaten verbreitet werden dürfen, solange sie davor bereits in einem EU-Staat rechtmäßig in Verkehr gebracht wurden und keine schwerwiegenden Gründe dagegen sprechen. Ein Urteil, das auch heute noch eine große Rolle in der Wirtschaft spielt – und ein Sieg für die Rewe-Zentral AG.