Putenmast mit Einsatz und Verantwortung

Im Stall herrscht reger Betrieb: Etwa 4.000 fast ausgewachsene Puten bewegen sich lebhaft kreuz und quer durch die großzügige Halle, untersuchen neugierig ihre Umgebung, kommunizieren spielerisch mit den Artgenossen. Die typische blaurote Färbung am Kopf ist bei den meisten stark ausgeprägt, auf dem schneeweißen Federkleid erkennt man in Brusthöhe den typischen dunklen Fleck. Obwohl die Tiere jetzt – kurz vor Erreichen ihrer Schlachtreife – vergleichsweise nah beieinander stehen, wirken sie aktiv und agil. Wenn Putenmäster Korbinian Huber aus dem oberbayerischen Feldkirchen-Westerham den Stall betritt, wird er von seinen Puten sofort umlagert und beäugt. Der Landwirt kommuniziert sogar mit den Tieren: Auf seinen gut imitierten Truthahn-Ruf antwortet ihm ein vielstimmiger Chor.

Aufs Federvieh gekommen

Wie kam der Landwirt, 39, eigentlich auf die Pute? „Ganz in der Nähe ist seit vielen Jahren ein Verarbeitungsbetrieb ansässig“, erzählt der gelernte Agrarbetriebswirt. „Meine Mutter hat da gearbeitet. So lag es für meine Eltern nahe, irgendwann selbst Puten zu halten.“ Seit 1976 gibt es den Betrieb nun schon, Korbinian Huber ist da ganz automatisch hineingewachsen. Inzwischen betreibt der Landwirt seine drei Ställe und 15.000 Tiere umfassende Putenmast gemeinsam mit Ehefrau Veronika, den Kindern Rosemarie, Korbinian jun. und Emmeran. Die Großeltern Leni und Korbinian unterstützen die junge Familie tatkräftig. „Meine Mutter hat das Federvieh nach wie vor fest im Griff“, schmunzelt Korbinian Huber. Vor zehn Jahren baute der Landwirt als Ergänzung eine Biogasanlage neben den Stall. Die Anlage, in der auch der Stallmist landet, versorgt den gesamten Betrieb sowie einige Nachbarn mit Energie – das ist ausgesprochen nachhaltig.

Von der Brüterei in den Stall

Die Putenmast unterliegt relativ klaren Gesetzen und Abläufen: Alles beginnt, wenn die Eintagsküken eintreffen – immer wieder ein spannender Moment für die ganze Familie. Insgesamt 16.000 flauschige Küken kommen, sorgsam verpackt, direkt von der Brüterei auf den Hof. In der Regel haben sie nur wenig Zeit unterwegs verbracht, die genaue Distanz ist aber unterschiedlich – je nachdem, welcher Zuchtbetrieb gerade liefert. Die Tiere sind bereits „gesext“, d.h. nach männlichen und weiblichen Tieren getrennt. Den Geschlechtsunterschied erkennen nur ganz wenige, in Asien ausgebildete Fachleute, die speziell dafür geschult wurden. „Für unsereins sehen Männlein und Weiblein gleich aus“, erklärt der Landwirt. Die Unterscheidung sei jedoch wichtig, da die Geschlechter unterschiedlich an Gewicht zunehmen und daher von Anfang an getrennt gehalten werden müssen, so der Landwirt. Die ersten Wochen verbringen die Küken im so genannten „Warmstall“. Hier, bei kuscheligen 35 Grad, finden sie optimale Bedingungen vor. Die Einstreu aus Strohpellets ist trocken, weich und relativ staubarm. Eine Vernebelungsanlage sorgt für eine konstante Luftfeuchtigkeit, die Belüftung für ausreichend Sauerstoff.

Nutztierhaltung trifft Tierliebe

Wenn es darum geht, den Küken beim Akklimatisieren zu helfen, ihnen Fressen und Trinken „beizubringen“, sind die Kinder der Hubers voll bei der Sache. Gerade Korbinian jun., 15, der den Hof später „auf jeden Fall mal übernehmen“ möchte, hat ein Auge auf das Wohlbefinden des Puten-Nachwuchses. Überall stehen Wassertränken und Futterbehälter, damit die Küken an der Nahrung einfach nicht vorbeikommen. Im Zweifel werden die flaumigen Bällchen schon mal per Hand an den Trog gesetzt. Überhaupt lassen sich die jungen Puten gerne aufnehmen und zum „Kuscheln“ im Arm halten, sie scheinen das sanfte Streicheln zu genießen. Ein Widerspruch? Immerhin handelt es sich um Nutztiere, die nur wenige Monate im Stall bleiben. „Keineswegs“, sagt Landwirt Huber. „Die Kinder lernen von Anfang an, dass sich Tierliebe und Nutztierhaltung durchaus vereinen lassen.“

Gesunde Tiere bis zum Schluss

Nach fünf Wochen ist es für die jungen Puten Zeit, in den „Kaltstall“ zu wechseln. Hier sorgen große Fensteröffnungen für regelmäßige Frischluftzufuhr, die Temperaturen liegen bei rund 18 Grad. Anfangs haben die Tiere besonders viel Platz und können sich nach Herzenslust austoben. Rund 140 Gramm legen die männlichen Jungputen täglich zu, bei den Weibchen sind es 100 Gramm. Auf diese hohe Gewichtszunahme wurden die Hybridputenrassen speziell gezüchtet – immerhin verlangen die Verbraucher viel hochwertiges Brustfleisch. Dass sie dadurch an mangelnder Beweglichkeit leiden und sogar körperliche Probleme bekommen, kann Korbinian Huber für seine Tiere aber nicht bestätigen. „Sie bleiben bis zum Schluss agil und aktiv“, sagt er. „Das ist auch wichtig für ihre Gesundheit, nur so können sie fressen und sozialen Verhaltensweisen nachgehen.“ Mit einer maximalen Besatzdichte von 53 Kilogramm pro Quadratmeter liegt der Betrieb, der sich an der Initiative Tierwohl beteiligt, rund zehn Prozent unter den bundeseinheitlichen Eckwerten.

Prophylaxe ist die beste Medizin

Regelmäßige Kontrollgänge bestimmen den Alltag des Putenmästers. Sein geschulter Blick erkennt sofort, wenn etwas nicht stimmt. Kranke Tiere werden in die „Krankenabteilung“, ein abgegrenztes Areal, gebracht, bis sie wieder fit für die Gruppe sind. Medikamente bekommen die Puten generell nur auf Anweisung des Tierarztes, und nur, wenn es unbedingt nötig ist. Korbinian Huber behandelt z.B. Magen-Darm-Probleme lieber vorbeugend, unterstützt den Verdauungsapparat seiner Puten etwa mit Probiotika. Beraten wird er dabei von einem Fachtierarzt für Geflügel, der anfangs jede Woche im Stall vorbeischaut, später jede zweite. Um Verletzungen durch das für Geflügel typische Federpicken zu reduzieren, sind bereits die Schnäbel der Eintagsküken durch einen minimalen Eingriff mittels Infrarot-Laser gekürzt worden.

Der richtige Zeitpunkt

Puten sind nicht nur neugierig, sondern auch schnell gelangweilt. Daher sorgen die Hubers mit speziellem Spielzeug nach Bedarf immer wieder für Abwechslung und Bewegung. Auch am Ende der Mastzeit haben die Tieren noch genügend Platz und Bewegungsfreiheit. Durch die permanente Erfassung des Tiergewichts wird der Zeitpunkt der Ausstallung gemeinsam mit dem nahegelegenen Schlachthof so gewählt, dass die vorgegeben Besatzdichten eingehalten werden Dies ist bei den Hennen nach rund 15 Wochen und bei den Hähnen nach etwa 19 Wochen der Fall.

Ein hochwertiges Lebensmittel

„Ich bin stolz darauf, in meinen Putenställen ein hochwertiges Lebensmittel zu erzeugen“, sagt Korbinian Huber mit Überzeugung. Die Verantwortung für Lebewesen zu tragen, ist für ihn ein wichtiger Aspekt seiner Arbeit. Deren Wohlergehen ist höchstes Ziel bei der Mast, natürlich auch aus wirtschaftlichen Gründen. Bis zu acht Prozent Verlust sind in der Putenmast normal – Korbinian Huber liegt oft darunter. Was zu Festtagen bei seiner Familie auf den Tisch kommt? Natürlich Pute aus dem eigenen Stall! Dass die ganze Familie mit Leib und Seele am Betrieb beteiligt ist, ist ein großer Vorteil, findet der Landwirt. „Das entschädigt dafür, dass man als Tierhalter rund um die Uhr in Bereitschaft ist, auch am Wochenende und in der Nacht.“