Apfelanbau in der 25. Generation

Auf der Apfelplantage von Martin Nüberlin, 63, eröffnet sich ein beeindruckender Blick über den Bodensee. „Wir genießen unsere Arbeit dort, wo andere Urlaub machen“, so der Obstbauer. Als Betriebsleiter von Obstbau Nüberlin sorgt der gelernte Agraringenieur für eine reibungslose Vermarktung der Produkte. Seine Frau Gabriele, 63, kümmert sich um den familiengeführten Obstladen im Ort, die gemeinsamen Kinder Florian (Gartenbauingenieur), 27, und Lena (Obstbaumeisterin), 25,  sind Angestellte im Familienbetrieb. Weitere Unterstützung in der Außenwirtschaft erhalten sie aktuell von einem Obstbaumeister, einem Lehrling, einem Praktikanten sowie während der Erntezeit von zehn bis 15 zusätzlichen Helfern. „Man wird als Apfelbauer geboren“, betont Nüberlin und kann auf eine lange Familientradition zurückblicken: Der Betrieb wurde erstmals im 13. Jahrhundert in den Geschichtsbüchern Lindaus erwähnt und wird seit 1972 von Martin Nüberlin in der 25. Generation geführt.

Wohlfühlklima für die Äpfel

In der Bodenseeregion lässt sich die Geschichte des Kernobstes bis in das Jahr 724 n. Chr. zurückverfolgen. „Der See ist Kälte- und Wärmespeicher zugleich“, weiß Martin Nüberlin. Durch die Kälte tritt die Blüte später ein und hält im Sommer die Wärme länger. „Wir bauen hier nur die Sorten an, die sich in diesem Klima wohlfühlen“, so der Apfelbauer weiter. Er führt aktuell über 20 verschiedene Apfelsorten – meist säurebetont und würzig. Geordnet nach dem Erntezeitpunkt sind dies die Sorten „Summerred“, „Delbar“, „Gravensteiner“ als Frühäpfel. Es folgen „Santana“, „Elstar“, „Gala“, „Topaz“, „Wellant“, „Boskoop“, „Rubinette“, „Dalinbel“, „Golden Delicious“, „Jonagold“, „Jonagored“, „Pinova“, „Idared“. „Braeburn“, „Fuji“ sowie „Majesty“. Das Sortiment wird außerdem um diverse Versuchssorten ergänzt. Die beliebteste Sorte unter den Bodensee-Äpfeln – und auch der Liebling von Martin Nüberlin – ist der „Elstar“. Er selbst isst rund fünf Äpfel am Tag und das „am liebsten frisch vom Baum oder schön gekühlt.“

Die Bäume gehören zur Familie

Auf einer Fläche von 14 ha bauen die Nüberlins ihre Äpfel an, auf weiteren 6 ha wachsen zudem noch  Birnen, Erdbeeren, Süßkirschen und Walnüsse. Mit rund 4.000 Apfelbäumen je ha setzt der Bauer auf eine enge Bepflanzung der Bäume, die gerade einmal 2,5 m Höhe messen. Und das hat auch einen speziellen Grund: „Kleine Bäume bilden verhältnismäßig viel Oberfläche bei einer geringen Dichte. So bekommen die Äpfel genügend Sonne ab“, betont Nüberlin. „Schließlich wollen wir ja keine Schattenfrüchte.“ Das A und O beim Apfelbau ist jedoch die Pflege der Bäume, denn nur so geben sie im Jahr bis zu 30 Kilo Äpfel je Baum. Auch wenn die Bäume nur einmal im Jahr geschnitten werden setzt Martin Nüberlin auf „Kontrolle, Kontrolle und nochmals Kontrolle.“ Gespritzt wird ausschließlich, wenn die Bäume unter Schädlingsbefall leiden, hervorgerufen durch besonders warme Witterungen. „Ein Teil unserer Bäume ist bereits über 20 Jahre alt und gehört also unweigerlich zur Familie“, berichtet der Obstbauer stolz und ergänzt: „Bei mir will ich selbst gerne Baum sein.“

Äpfel im Kälteschlaf

Doch auch bei der Ernte, die jährlich von Anfang September bis Ende Oktober stattfindet, ist Fingerspitzengefühl gefragt: Die Äpfel werden nicht vom Baum abgerissen, sondern mit einer Aufwärtsbewegung geerntet. So bleibt der Stiel sicher am Apfel und das Fruchtfleisch trägt keine Verletzungen davon. Um das ganze Jahr Äpfel anbieten zu können, versetzt Bauer Nüberlin das Kernobst nach der Ernte in einen Tiefschlaf. Unter einer Temperaturführung von 1-3 °C und einem kontrolliertem Sauerstoffgehalt von 1 % überwintern die Äpfel im Lager, um dann je nach Bedarf aus dem „Dornröschenschlaf“ geweckt zu werden. Auch die Liebesgeschichte von Martin Nüberlin und seiner Frau Gabriele liest sich wie ein Märchen: Vor bald 30 Jahren lernten sich die beiden auf der Grünen Woche in Berlin kennen und lieben. Und dies selbstverständlich beim Apfel-Verkauf.

Immer nah am Verbraucher

Heute verkaufen die Nüberlins im eigenen Laden in Lindau neben dem Apfel, ihrem Hauptprodukt, Birnen, Erdbeeren, Kirschen sowie verschiedenste hausgemachte Säfte, Schnäpse und Marmeladen. Durch die unmittelbare Nachbarschaft zu Österreich und der Schweiz begrüßt die Familie auch viele internationale Kunden. „Hier bekommen wir direktes – und ehrliches – Feedback vom Endverbraucher. Diese Resonanz ist uns sehr wichtig und tut gut“, betont Martin Nüberlin. Für Interessierte öffnet der Obstbauer gerne seinen Betrieb, bietet Führungen über die Plantagen an und verköstigt die Besucher mit Spezialitäten aus dem Laden. Keine Frage, dass die Nüberlins auch beim Fest zur Apfelblüte Ende April immer mit von der Partie sind: Auf bunt geschmückten Traktoren und Erntezügen fahren Einheimische und Touristen mit Musik und Gesang durch die blühenden Apfelplantagen. „Es ist uns eine Freude, so ein gesundes, wohlschmeckendes und zeitloses Produkt anzubieten, das die Verbraucher schätzen“, sagt Nüberlin zu Abschied und hofft, „dass das auch in Zukunft so bleibt.“

 

Mehr über die Nüberlins und ihren Obstbetrieb

Unsere Bayerischen Bauern im TV

Die Zahl der hauptberuflichen Obstbauern nimmt seit Jahren ab. Das liegt an den Preisen, die für die Produkte erzielt werden können. Der Bodensee ist eine ideale Anbauregion, da hier Temperaturschwankungen ausgeglichen werden können. Doch auch der Klimawandel sorgt für Veränderungen. Zum einen gibt es neue Sorten, zum anderen begünstigt der Klimawandel auch die Vermehrung von Schädlingen und Krankheiten.
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