Naturnah, flexibel, vorausschauend: Bayerische Landwirtschaft im Zeichen des Klimawandels

Der Sommer 2018 war das, was man bis vor kurzem mit positivem Unterton noch einen "Jahrhundertsommer" genannt hätte: Wochen und Monate mit unendlich viel Sonne, hohen Temperaturen – und fast ohne Niederschläge. Doch was den Normalbürger zumindest eine Zeit lang freut, war für die Landwirte in ganz Deutschland eine Herausforderung, vielerorts eine Katastrophe. Auch in Bayern haben einige Landstriche nach Wasser gedürstet wie selten. Im gesamtdeutschen Vergleich kamen unsere Bauern zwar noch glimpflich davon. Über die Auswirkungen eines solchen Sommers – und auch über seine Botschaft für die Zukunft – muss man trotzdem reden. 

Dabei stellen sich viele Fragen, zum Beispiel: Wie haben sich Hitze und Dürre auf die unterschiedlichen Bereiche der Landwirtschaft in Bayern ausgewirkt, etwa auf die Tierhaltung, die Getreideerzeugung oder die Forstwirtschaft? Welche Maßnahmen haben die Bauern ergriffen und waren diese erfolgreich? Wo hat der Sommer vielleicht sogar zu positiven Ergebnissen geführt? Und vor allem: Wie wird es weitergehen – mit dem Klima und der Landwirtschaft? Denn dass der Klimawandel noch aufzuhalten ist, daran glaubt längst niemand mehr.

Unsere Bayerischen Bauern e.V. hat genauer hingeschaut und Vertreter unterschiedlicher bäuerlichen Bereiche um Ihre Einschätzung gebeten.

Ein Landwirt, den man nach optimalen "Arbeitsbedingungen" fragt, wird in der Regel schnell auf das Thema Wetter zu sprechen kommen. Denn anders als der Fabrikant, der seine Hosenknöpfe Tag für Tag unter den gleichen Bedingungen produziert, muss der Bauer seit jeher seine Arbeit nach dem Wetter ausrichten, speziell nach Niederschlag und Temperatur. Das macht den Alltag zwar abwechslungsreich und spannend, aber eben oft auch schwierig.

Kartoffeln: Einbußen in Quantität und Qualität

Auch Thomas Scheuerer aus dem oberpfälzischen Hagelstadt kann ein Lied davon singen. Auf rund 200 ha baut er Zuckerrüben, Weizen und Kartoffeln an. Was hat ihm dieser Sommer gebracht? "Mehr Stärke", sagt er, und meint dabei nicht seine Muskeln. Nein, die Kartoffeln haben durch die Wärme und Trockenheit einen höheren Stärkeanteil bekommen. Das ist manchmal gewünscht, aber durchaus nicht immer. Mit dem Stärkegehalt ändern sich nämlich die Kocheigenschaften, so wird eine eigentlich "festkochende" Sorte unter Umständen zu einer "vorwiegend festkochenden" oder sogar "mehlig kochenden".  Auch die Lagerfähigkeit reduziert sich durch den Wassermangel: Der geringere Zelldruck macht die Kartoffel anfällig für Beschädigungen. Hinzukommt eine Zunahme von Schorf, die das Produkt für den Handel unattraktiver macht. Aber nicht nur qualitativ hat die Kartoffelernte von Thomas Scheuerer gelitten: Er verzeichnet auch bis zu 50 Prozent weniger Ertrag. Da ist der Landwirt froh, nicht ausschließlich von einem Erzeugnis abhängig zu sein. So hat sich der Weizen trotz Dürre tapfer geschlagen, hier gibt es lediglich Einbußen von bis zu 20 Prozent, die durch einen etwas gestiegenen Preis ausgeglichen werden. Und die Zuckerrübe? "Sie ist eine robuste Natur", so Thomas Scheuerer, "und kann sogar einen vertrockneten Blattapparat nachbilden, sobald wieder mehr Nass vom Himmel kommt." Während die Kartoffelernte im September beginnt, haben die Rüben noch etwas länger Zeit. Wenn sich die Bedingungen bis dahin normalisieren, ist auch mit einer durchschnittlichen Ernte zu rechnen.

Vielfalt muss sich lohnen!

Thomas Scheuerer weiß, dass er nicht zu den Hauptbetroffenen der Dürre 2018 gehört. Doch die Häufigkeit solcher Klimaauswirkungen nimmt eindeutig zu und kann jeden treffen, deshalb müssen Bauern wie er vorausplanen. Neue, trockenheitsstabilere Sorten sind da nur eine Maßnahme. "Die Wundersorte gibt es ohnehin nicht", so der Oberpfälzer. Am erfolgversprechendsten ist daher eine Kombination aus gesunden Pflanzen, dem richtigen Saatzeitpunkt und der optimalen Bodenpflege. Und Landwirte, die grundsätzlich auf Vielfalt setzen, stehen bei extremen Wetterbedingungen immer stabiler da, weil nicht alle Erzeugnisse auf ein bestimmtes Ereignis gleich reagieren. So können größere finanzielle Einbußen leichter vermieden werden. Allerdings: "Mehr Vielfalt bringt den Bauern nicht automatisch bessere Einkünfte", betont Thomas Scheuerer. "Damit Vielfalt sich für uns alle lohnt, müssten die Erzeugerpreise langfristig steigen. Dafür braucht es ein Umdenken – auf vielen Ebenen." Zu diesem Umdenken gehört auch, dass die Verbraucher endlich von der "Geiz ist geil"-Haltung wegkommen, wie sie in Deutschland immer noch so häufig anzutreffen ist. Qualität sollte wieder etwas kosten dürfen – denn das nützt am Ende allen etwas.

Bullenmast: Herausforderung für die Zukunft

Ähnlich sieht das auch die fränkische Bullenmästerin Franziska Klenkert aus dem Landkreis Schweinfurt. Sie steht jeden Sommer vor der Herausforderung, das Winterfutter für die Versorgung ihrer knapp 600 Mastbullen und Kälber rechtzeitig und in guter Qualität einzufahren. Nur so kann sie auch hochwertiges Jungbullenfleisch erzeugen. In diesem Jahr hat sie es geschafft – auch deshalb, weil es in ihrer Gegend immer mal wieder geregnet hat. Ihr Vorteil: gute Böden mit einer Wasserspeicherkapazität, die auch Trockenheitsphasen relativ unbeschadet übersteht. Die Futtermais- und die Getreideernte sind abgeschlossen, nur die Zuckerrüben stehen noch aus. In den zunehmenden Klimaextremen sieht sie eine der größten Herausforderungen für sich und ihre Kollegen – schließlich können nicht alle auf gute Böden vertrauen. Der Schutz davor sei nicht einfach zu bewerkstelligen, es gebe kein Patentrezept. "Wir können sicherlich mit der richtigen Sortenwahl nachbessern", sagt sie. Und findet, man sollte die Forschung in Richtung Genmodifizierung nicht komplett verteufeln, sondern eher fördern, denn sie könne durchaus unterstützend wirken.

Flexibilität und Feingefühl

Sie selbst bemüht sich außerdem um Techniken, die helfen, die Feuchtigkeit im Boden zu halten. Bei der Weizenaussaat wird zum Beispiel direkt nach dem Ackern gesät – noch bevor das Wasser im Boden verdunstet. So findet die frische Saat optimale Bedingungen vor. Auch der Saatzeitpunkt kann entscheidend sein – doch wie so oft ist die vorausschauende Planung des Landwirts das eine – und das Wetter das andere. "Wir Landwirte müssen täglich Prioritäten setzen und zugleich enorm flexibel bleiben, was die Bodenpflege, die Pflanzenwahl, den Zeitpunkt der verschiedenen Maßnahmen oder den Einsatz von Pflanzenschutz angeht", so die Landwirtin. "Da gibt es kein Schwarz-Weiß." Das gilt speziell für den Pflanzenschutz. Viele Verbraucher denken immer noch, dass die Mittel wahllos und unbegrenzt ausgebracht würden. Das ist falsch, denn: Pflanzenschutz kostet Geld. Daher würden die Landwirte gern darauf verzichten. Die meisten – wie Franziska Klenkert – tun viel dafür, die Mengen möglichst gering zu halten.

Hopfen: Ertragsverluste je nach Standort

Das gilt auch für Hopfenbauer Michael Preitsameter. Der Unternehmer aus dem Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm baut sein anspruchsvolles Erzeugnis auf 34 Hektar an, betreibt aber zusätzlich noch Ackerbau, Waldwirtschaft und Schweinemast. Was die Auswirkungen der Dürre angeht, so kennt er beides: leichte, sandige Böden, die schnell austrocknen, und solche mit einem besseren Wasserhaltevermögen. In den trockenen Bereichen hat der Sommer 2018 deutliche Schäden angerichtet: Der Wassermangel führte unter anderem zu einem ungenügenden Doldenschluss und einem niedrigeren Alphasäure-Wert. Alphasäure ist für die Bitterung des späteren Biers verantwortlich und ein wichtiges Qualitätskriterium bei Hopfen. Auf manchen, besonders sandigen Parzellen hat der Bauer zudem kaum Ertrag eingefahren, trotz Noternte in der ersten Augusthälfte. Da Familie Preitsameter allerdings mit mehreren Hopfensorten arbeitet, ergibt sich aus der Kombination Boden plus Sorte ein entsprechend unterschiedliches Bild. Zum Glück, denn durch eventuelle Preissteigerungen kann der Bauer seine Verluste kaum ausgleichen.

Für die Zukunft gewappnet

Ein besonders Problem hat die diesjährige Trockenheit im Hopfenanbau mit sich gebracht: Sie hat die Entstehung von Mehltau massiv gefördert und für die Entwicklung der Spinnmilbe optimale Voraussetzungen geschaffen. Mit herkömmlichen Mitteln ließ sich dagegen kaum etwas ausrichten. Hier sei der Gesetzgeber gefragt, so Preitsameter, einen sinnvollen Pflanzenschutz zuzulassen, mit dem rechtzeitig und wirksam behandelt werden könne. Auch bei der Bewässerung hapert es in den Augen des Hopfenbauers. Denn Bewässerungsanlagen werden – wenn überhaupt – meist als Sammelanlagen genehmigt. Eine individuelle und damit bedarfsgerechte Bewässerung sei aber viel effektiver. "Mit den Klimaveränderungen müssen wir uns wohl arrangieren", sagt er. "Doch je besser wir auf extreme Wetterbedingungen vorbereitet sind, desto weniger gefährden sie uns in unserer Existenz." Und was ist mit Ausgleichs- und Unterstützungszahlungen staatlicherseits? "Sie können ohnehin nur kurzfristig helfen – und zwar denen, die am stärksten betroffen sind", so der Landwirt.

Auf die Böden kommt es an!

In Oberbayern, zwischen Rosenheim und Vogtareuth, hat Milchbauerfamilie Mayerhofer ihren Betrieb. Einen Großteil des Futters für die Tiere, wie geschnittenes Gras, Weizen und Mais, bauen die Mayerhofers selbst an. Was hat ihnen der heiße Sommer gebracht? "Wir haben Glück gehabt", sagt Landwirt Johann Mayerhofer. "Unsere Böden haben die Trockenheit dank ihrer hohen Wasserhaltefähigkeit relativ gut verkraftet." Außerdem hätten kräftige Gewitter immer wieder den dringendsten Wassermangel beseitigt. Das sei jedoch nicht überall so. Je nach Boden und Niederschlag gebe es in diesem Teil Bayerns große regionale und lokale Unterschiede. Aber dennoch: Der Mais der Mayerhofers brach in diesem Jahr fast Rekorde, so gut war er. Auf dem Adlmoar-Hof wird naturnah, wenn auch nicht offiziell "bio" gewirtschaftet – für die Familie ein wichtiger Baustein, um dem Klima nicht völlig hilflos ausgeliefert zu sein oder ihm zumindest sinnvoll zu begegnen. 

Landwirtschaft im Einklang mit der Natur

Deshalb ärgert sich Johann Mayerhofer, wenn Bio-Landwirtschaft und konventionelle Landwirtschaft in der Öffentlichkeit gegeneinander ausgespielt werden. Sein Betrieb zum Beispiel investiert viel Zeit und Aufwand in die Bodenpflege. Die Maßnahmen reichen vom gezielten Anbau von Zwischenfrüchten für eine bessere Humusbildung über bodenschonende Saat- und Erntemethoden bis zur Wissenschaft vom richtigen Zeitpunkt. Allerdings will der Milchbauer keineswegs die letzteren verunglimpfen, nur: "Die simple Rechnung Bio = gut, Konventionell = böse, die stimmt einfach nicht. Man muss jeden Betrieb individuell betrachten – auch vor dem Hintergrund des Klimawandels." Und noch mit einem anderen Vorurteil würde er gerne aufräumen: "Viele Menschen denken, moderne Technik und naturnahe Landwirtschaft sind ein Widerspruch. Ganz im Gegenteil: Der Einsatz von Hightech wie ein Laser-gesteuertes Hackgerät kann sogar dabei helfen, noch umweltschonender zu arbeiten!" Auch wenn sich der Klimawandel nicht aufhalten lässt, für die Mayerhofers gibt es zu dieser Haltung keine Alternative. Gentechnik? Da winkt der Landwirt eher ab. "Wer weiß schon so genau, was wir damit auslösen?"

Der Wald und die Trockenheit

Wer in diesen Wochen kreuz und quer durch Bayern fährt, kann an bräunlich verfärbten Wäldern, vertrockneten Sträuchern und Wiesen sowie herbstlich fallendem Laub kaum vorbeisehen. Vielerorts scheinen die Bäume in einem traurigen Zustand zu sein, und als Laie fragt man sich: Werden die sich wieder erholen? Waldbauer Johann Killer aus dem oberbayerischen Sauerlach ist hier der richtige Ansprechpartner.  Auch seine Buchen haben sich braun verfärbt – viele sehen aus wie sonst Ende September. Dabei hat es in der Region im August immerhin noch 60 Liter geregnet – das sind 60 Liter mehr als an vielen anderen Orten. Viele Altfichten in seinem rund 70 ha großen Bestand haben ihre Nadeln abgeworfen und damit einen Teil ihrer Assimilationsfläche verloren, das wirkt sich negativ aufs Wachstum aus – überleben werden sie aber schon. In welchem Zustand die Wurzeln vieler Bäume sind, ist unklar. Selbst wenn es jetzt ordentlich regnet, kann das noch Schaden anrichten: Die feinen Kapillaren quellen dann auf – und reißen ab. Mit einem Wort: Der Wald ist angeschlagen, der Klimawandel angekommen. 

Im Kampf gegen den Käfer

Doch es gibt auch positive Nachrichten. "Die Tannen stehen großartig da", sagt Johann Killer. "Mit ihren 4-5 Meter langen Wurzeln reichen sie an das Grundwasser heran und sind viel weniger auf Regen angewiesen." Ein Problem stellt allerdings der trockenheitsliebende Borkenkäfer dar, der in den angeschlagenen Bäumen optimale Bedingungen vorfindet. Seit April nimmt Johann Killer daher regelmäßige Begehungen durch seinen Bestand vor – eineinhalb Tage dauert eine einzige – um befallene Bäume rechtzeitig anhand von Kronenverfärbungen und Bohrmehl frühzeitig zu erkennen und zu entfernen. Durch dieses Vorgehen konnte der Waldbauer den gefräßigen Käfer noch in Schach halten – "nur" rund 100 Kubikmeter Käferschadholz hat er zu beklagen. Möglicherweise hat aber auch die Zunahme von Nützlingen wie zum Beispiel der Schlupfwespe dem Schädling Einhalt geboten. "Allerdings ist dieses Phänomen regional höchst unterschiedlich", räumt Killer ein. "Andernorts ist der Käfer ein viel größeres Problem."

Unerlässlich: Gute Mischung, gute Pflege

Was kann man als Waldbauer gegen den Klimawandel tun? Natürlich Bäume pflanzen! Allerdings:  "Auf die richtige Mischung kommt es an“, sagt Johann Killer. "Und auf eine konsequente Pflege. Denn nur wenn der Wald im Kern gesund ist, hat er eine Chance gegen Wetterextreme." Der Landwirt ist ein Verfechter des gesunden Mischwalds aus Fichte, Tanne und Buche als Grundlage eines funktionierenden und ertragreichen Ökosystems. Darüber hinaus verfolgt er ein konsequentes Pflegekonzept, bei dem die Bäume frühzeitig ausgelichtet und vereinzelt werden. Der Umschnitt verbleibt als natürlicher Dünger im Wald. Durch das Auslichten der Bäume dringen ausreichend Wasser und Licht zu den Pflanzen vor. Nach rund 20 Jahren findet die erste Durchforstung statt. "Diese Reduzierung ist notwendig, um den Zuwachs der hochwertigen Bäume zu fördern", so der Waldbauer. Was viele nicht wissen: Auch das Land Bayern selbst trägt erheblich zum Erhalt eines gesunden Waldes bei. Seit den 80er Jahren hat man die Wasserhaltefähigkeit der Böden systematisch untersucht und in Karten eingetragen. Denn nur, wenn der richtige Baum am richtigen Standort steht, hat er optimale Entwicklungschancen. Inzwischen gibt es diese Karten auch digital. So kann der Förster, der den Waldbauern hinsichtlich notwendiger Pflegemaßnahmen berät, ihm mithilfe von Tablet oder Laptop gleich auch einen Rat bezüglich des Standorts erteilen. Auch so wird eine robuste Waldwirtschaft mit widerstandsfähigen Bäumen gefördert.

Fazit: Dialog statt Patentrezepte

Beim Thema Wetterextreme, Klimawandel und Dürreauswirkungen zeigt sich einmal mehr die Komplexität der (bayerischen) Landwirtschaft. Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. Doch egal um welches Erzeugnis es geht: Am Ende steht immer der einzelne Betrieb, der sich mit den individuellen Auswirkungen auf sein Produkt und seine Situation auseinandersetzen muss. Viele Landwirte gehen bereits neue, vorausschauende Wege im Einklang mit der Natur. Die beste Unterstützung auf diesem Weg sind Verbraucher, die qualitätsbewusst und regional einkaufen – und die nicht zuletzt den Dialog suchen mit den Landwirten in ihrer Nähe.